23.03.2022

Bewegte Bilder

DIE ISLÄNDISCHE FOTOGRAFIN UND KAMERAFRAU BIRGIT GUDJONSDOTTIR FOTOGRAFIERT DEN BILDBAND DER PASSION 2022 UND ZEIGT DIE SZENEN VON INNEN HERAUS.

Die Fotografin Birgit Gudjonsdottir bei der Arbeit (Foto: Sebastian Schulte)

Draußen scheint die Sonne in Oberammergau, ein Hauch von Frühling liegt in der Luft. Drinnen im Passionstheater ist es kalt. 4 Grad Celsius. Wie immer in den Wintermonaten zieht ein kühler Lufthauch über die offene Bühne. Vor dem Säulengang auf der linken Seite ist ein Zelt aufgebaut, das für gutes Licht sorgt. Drinnen stehen der Jesus-Darsteller Frederik Mayet und Peter Stückl, der den Hohepriester Annas spielt, umgeben von der Rotte. Einer der Diener des Priesters schlägt Jesus ins Gesicht. Wieder und wieder. Die Bewegung sitzt, aber der Helm des Dieners glänzt zu stark im Licht. Er muss mit schwarzem Wachs-Spray besprüht werden, das die Reflektion verhindert. Gar nicht so einfach bei den niedrigen Temperaturen, aber es klappt. Auch die Lanzen der Römer sind eine Herausforderung. Sie müssen exakt so ausgerichtet werden, dass sie das Licht fangen. Für das perfekte Bild muss jedes Detail passen. Wenn einer die Augen zu hat oder im Hintergrund gelangweilt schaut, war alles umsonst.

Seit Anfang März ist Birgit Gudjonsdottir mit ihrem Assistenten Johannes Neumann und ihrem Beleuchter Niels Maier in Oberammergau, um die Fotos für den Bildband der Passionsspiele 2022 zu machen. Die Jesus-Annas-Szene ist die letzte Einstellung an diesem Dienstag. Zuvor standen die Vertreibung der Händler und die Bezahlung Judas’ auf dem Plan. Gudjonsdottirs Assistent sieht die eben geschossenen Bilder direkt auf dem Bildschirm, prüft die Lichteinstellungen und die Details. Jedes Bild wurde im Vorfeld genau geplant: Welche Darsteller sind dabei? Welche Requisiten und Tiere werden benötigt? Sind die Haare „fettig“ oder „strähnig“? Die Körper voll „Schmutz“ und „Schweiß“? An Aufstelltafeln neben dem Zelt hängen detaillierte Raumskizzen der einzelnen Bilder. Diese 3D-Visualisierungen hat Gudjonsdottir mit Lorenz Stöger, dem Assistenten von Stefan Hageneier, auf einem Architekturprogramm entwickelt. So hatten sie die Möglichkeit, die Figuren direkt im Bühnenbild zu platzieren und die Bilder zu komponieren. „Bei den Aufnahmen der letzten Passionsspiele gab es wohl immer sehr lange Arbeitszeiten“, erzählt mir Birgit Gudjonsdottir nach dem Shooting in der Kantine. „Das wollte ich vermeiden. Ich wollte so gut vorbereitet sein, dass wir zehn Stunden am Tag nicht überschreiten. Zwar bringt man noch hie und da mehr Bewegung rein, aber man kennt den Anfangspunkt und das spart viel Zeit.“

Dass Gudjonsdottir die Fotos für den Bildband macht, ist so etwas wie die Erfüllung einer Leidenschaft, die sie beinahe vergessen hatte. „Im Religionsunterricht haben mich die Geschichten, die der Religionslehrer erzählt hat, immer fasziniert“, erzählt sie. „Ich habe die Geschichten in mein Heft gemalt.“ Irgendwann meinte der Lehrer dann, das sei kein Zeichenunterricht, sie solle zuhören und nicht so viel malen. „Das hat mich so erzürnt, dass ich mich vom Religionsunterricht abgemeldet habe“, erinnert sie sich. „Ich wollte schon damals diese Geschichten in Bildern erzählen. Und als ich dann hierher nach Oberammergau kam, dachte ich: Das ist ja genau das, was ich schon als Kind machen wollte.“ Gudjonsdottir ist in Island geboren, ihr Vater ist Isländer, die Mutter Österreicherin. Sie wuchs abwechseln in Island, Österreich und Deutschland auf. 1990 hat sie irgendwo gelesen, dass hier ein junger Regisseur die Passionsspiele macht und das halbe Dorf mitspielt. Sie war fasziniert, dachte sich, dass sie das mal anschauen will.

Christian Stückl bei den Bildbandaufnahmen (Foto: Sebastian Schulte)

2019 bekam sie dann einen Anruf von Bühnenbildner Stefan Hageneier. Eine Filmagentin hatte ihm die isländische Fotografin empfohlen, die seit 1991 als Kamerafrau und Bildgestalterin beim Film arbeitet und 2018 den Ehrenpreis des Deutschen Kamerapreises erhielt. „Ich weiß nicht genau, wer die Idee hatte, statt eines Fotografen jemanden vom Film zu holen“, so Gudjonsdottir, „aber wir sind es eben gewohnt, stärker über die Geschichte zu denken und nicht nur einen Moment festzuhalten. Was ist der Subtext? Worum geht es eigentlich? Wie kann man die Bilder komponieren, dass die Handlung rüberkommt?“ Sie kam ein paar Tage zum Kennenlernen nach Oberammergau – und es war ihr gleich klar, dass sie das machen will.

Stefan Hageneier, Christian Stückl und Birgit Gudjonsdottir auf der Bühne des Passionstheaters (Foto: Sebastian Schulte)

 „Als ich vor zwei Jahren im Januar zur Vorbereitung herkam und die erste Volksprobe auf der Bühne gesehen habe, habe ich Gänsehaut bekommen und mir sind die Tränen gekommen“, erinnert sie sich. „Ich fand diese Kraft beeindruckend, wenn da so viele Menschen auf der Bühne stehen. Wo hat man das denn? Und alle mit diesem Enthusiasmus, das finde ich sehr bemerkenswert.“ Mit dem Spielleiter Christian Stückl ist sie den Text durchgegangen, er erklärte ihr, zu welchen Momenten der Handlung er Bilder haben möchte. Gudjonsdottir schaute sich jede Menge Gemälde zum Thema an, entwickelte daraus ein eigenes Setting und löste sich immer mehr von den Vorlagen. Sie fotografiert nicht, wie in der Theaterfotografie üblich, die gespielten Szenen ab, sondern entwickelt eigenständige Momentaufnahmen. „Mein Ziel ist es, mehr Bewegung in die Bilder zu bringen als das zuletzt in den Bildbänden der Fall war“, so Gudjonsdottir. „Ich möchte, dass man das Gefühl hat, man ist mitten in der Geschichte drin, auf der Bühne dabei. Auch das ist ein Unterschied zu den Gemälden.“ Weniger statisch soll es werden, die Menschen und Kostüme in der Bewegung eingefangen werden.

2020 mussten die Aufnahmen am fünften Fototag aufgrund der Corona-Pandemie abgebrochen werden. Der Plan von damals dient jetzt als Grundlage, allerdings hat sie viel verändert und bereits bestehende Kompositionen verbessert, wo sie nicht ganz zufrieden war. „Beim zweiten Mal geht man anders ran“, sagt sie, „ich habe das Gefühl, jetzt noch mehr rausholen zu können.“ Unter der Woche shootet sie die kleineren Szenen, am Wochenende die großen Volksszenen. Bei diesen sind es schon mal 200 bis 300 Bilder, die sie pro Einstellung macht. Auch der Schlag ins Gesicht in der heutigen Jesus-Annas-Szene hat viele Versuche gebraucht. Das funktioniert eben nur in dem einen richtigen Moment. 12 Bilder pro Sekunde macht die digitale Kamera. Aus denen muss dann das eine richtige ausgewählt werden. Gudjonsdottir sitzt jeden Abend bis neun oder zehn Uhr am Bildschirm, macht eine Vorauswahl. Zwischen dem Ende der Aufnahmen und dem Andruck des Buchs bleiben nur etwa zehn Tage. Mindestens drei Sortiervorgänge braucht die Fotografin, bis sie pro Einstellung auf fünf Bilder reduziert hat. Diese bekommt dann Christian Stückl für die finale Entscheidung. Erscheinen wird der Bildband dann zur Premiere im Mai.

Die Maske richtet die letzten Feinheiten bei Jesus-Darsteller Rochus Rückel für die Aufnahme (Foto: Sebastian Schulte)

Text: Anne Fritsch

Fotos: Sebastian Schulte

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